Erziehung
und Bildung im Wandel
Gewaltfreier und ganzheitlicher
Umgang mit Kindern und Jugendlichen
von Ralf Manthey
In diesem Text habe ich die Ergebnisse meiner Recherchen und eigenen Erfahrungen zum Thema „ganzheitlicher Umgang mit Kindern in der Erziehung und Bildung“ zusammengestellt, um den interessierten Leser anzuregen, dies Thema durch Literatur (siehe am Ende des Textes), Reflexion und eigene Erfahrungen zu vertiefen.
Die Erziehung und Bildung befinden sich seit einigen Jahren in einem intensiven Wandlungsprozess. Immer mehr Erwachsene (Eltern, Lehrer, Erzieher, Sozialpädagogen) wenden sich von dem alten autoritären und gewaltsamen Erziehungs- und Bildungsparadigma ab, welches auf Strafen und Belohnen, Drohen, Angst, Druck, Leistung, Konkurrenz und Bewertung beruht, und suchen und erproben neue, alternative, gewaltfreie bzw. empathische Erziehungs- und Bildungsansätze.
1990
hat Deutschland die „UN-Kinderrechtskonvention“ unterzeichnet,
in der z.B. folgender Inhalt zu lesen ist: „Es besteht das
Übereinkommen, dass ein Kind zur vollen und harmonischen
Entfaltung seiner Persönlichkeit in einer Familie und umgeben von
Glück, Liebe und Verständnis aufwachsen soll“. Aber erst im
Jahr 1998 wurde der gewaltfreie Umgang mit Kindern im BGB im §
1631 Abs. 2 gesetzlich verankert. Dort heißt es: „Kinder
haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen,
seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind
unzulässig“. Und 2005 wurde der Nationale
Aktionsplan (NAP) „Für ein kindergerechtes Deutschland
2005–2010“, eine Initiative der deutschen
Bundesregierung, ins Leben gerufen, deren Ziel es unter anderem war:
„Das Aufwachsen (von Kindern) ohne Gewalt, und Förderung
einer gewaltfreien Erziehung“.
Aktuelle
Situation
2017
veröffentlichte das Kinderhilfswerk UNICEF einen Bericht, aus dem
hervorgeht, dass schätzungsweise 75 % der zwei- bis vierjährigen
Kinder weltweit körperliche oder verbale Gewalt zu Hause, aber auch
in Schulen und Kitas, erlebt haben. Laut eines Berichts des
Bundeskriminalamtes sind im Jahr 2018 ca. 4000 Kinder in
Deutschland misshandelt und 136 Kinder sogar getötet worden, und ca.
15.000 waren Opfer sexualisierter Gewalt. Die Dunkelziffer ist
sicherlich um ein Vielfaches höher. Die psychische (passive) Gewalt
taucht ja kaum in Kriminalstatistiken auf, weil sie natürlich auch
schwerer zu (er)fassen ist. Es reicht also nicht, ein paar tolle
Gesetze und Konventionen zu schreiben, denn viele vergangene
Jahrhunderte voller Gewalt lassen sich nicht mal eben in ein paar
Jahrzehnten aus dem kollektiven Bewusstsein löschen.
Die
Medien, wie Fernsehen und Internet, sind voller Gewalt, sodass man
den Eindruck bekommen kann, dass Gewalt etwas vollkommen Normales
ist. Besonders im digitalen Raum hat die Gewalt, weil man dort anonym
agieren kann, in den letzten Jahren rapide zugenommen. Noch immer
versuchen viele Menschen, ihre Konflikte eher mit körperlicher,
verbaler und psychischer Gewalt als mit einfühlsamer Kommunikation
zu lösen.
Während
den meisten Menschen relativ bewusst ist, was körperliche Gewalt
ist, wird es beim Thema psychische Gewalt schon schwieriger, weil sie
subtiler und nicht so sichtbar zum Ausdruck kommt. Die körperliche
Gewalt hat zwar abgenommen, dafür hat aber die psychische Gewalt an
Kindern zugenommen, bzw. tritt sie jetzt erst deutlicher zutage.
Neurobiologische Forschungen haben eindeutig belegt, dass beim
Menschen bei psychischer und seelischer Gewalt die gleichen
Gehirnareale ausgelöst werden wie bei körperlicher Gewalt. Die
„Seele“ eines Kindes macht also keinen Unterschied, ob sie
körperliche oder psychische Gewalt erfährt. Hinzu kommt, dass viele
Bezugspersonen (Eltern, Erzieher, Lehrer etc.) von Kindern selbst in
ihrer Kindheit mehr oder weniger physische, psychische und seelische
Gewalt erfahren und sie verinnerlicht haben. In dem Maße, wie ihnen
ihre eigenen psychischen Verletzungen nicht bewusst sind, geben sie
diese an ihre Kinder direkt oder indirekt weiter. Dieser Teufelskreis kann nur
durchbrochen werden, wenn die betroffenen Bezugspersonen beginnen,
sich ihrer eigenen psychischen Verletzungen durch Reflexion und
eventuell durch psychologische Hilfe bewusst zu machen. Dabei ist es
wichtig, dass man die psychische Gewalt deutlich benennt und nicht
schönredet und rationalisiert.
Dabei möchte ich aber betonen, es geht mir nicht darum, Eltern und Pädagogen etc., die (noch) physische und psychische Gewalt anwenden, zu verurteilen (was ja auch eine Form der Gewalt ist). Oft ist ihnen nicht bewusst, was sie mit ihrem Verhalten anrichten, und sie geben i.d.R. nur das unreflektiert weiter, was sie von ihren Eltern, Erziehern und Lehrern mitbekommen haben. Daher sollte man sich auch nicht selbst verurteilen, wenn man bei sich noch Handlungen, die auf physischer und psychischer Gewalt beruhen, erkennt. Erkenntnis ist der erste Schritt zur Bewusstwerdung, und darauf folgen i.d.R. ein Umdenken und die Beschäftigung mit neuen gewaltfreien Handlungsoptionen.
Institutionelle, strukturelle Gewalt
Kinder verbringen immer mehr Zeit in öffentlichen und staatlichen Einrichtungen, wie Schule, Krippe und Kindergarten. Gewalt findet hier oft indirekt und subtiler statt. Allein die Schulpflicht (= Zwang)
ist schon eine Form von Gewalt. Das Bildungsministerium entscheidet
allein darüber, was, wie und mit wem die Schüler zu lernen haben,
ohne dass die Schüler ein Mitspracherecht haben. Die Schulen bzw.
die Lehrer geben dies dann an die Kinder weiter, übernehmen aber oft
nicht die Verantwortung dafür. Z.B. sagt der Lehrer zu den Schülern:
„Das muss ich so machen, weil dies der Lehrplan (oder das
Schulministerium, der Schulleiter, die Verordnungen etc.) so
verlangt“. Wenn dann die Kinder nicht so „funktionieren“, wie
das vom Schulsystem erwartet wird, wird oft dem Schüler die Schuld
dafür gegeben. Er wird dann gemaßregelt oder erhält sogar
Psychopharmaka, wie z. B. Ritalin, wenn er nicht stillsitzt.
Aber es gibt schon seit vielen Jahren eine immer stärker anwachsende alternative Gegenbewegung außerhalb der staatlichen Einrichtungen und Strukturen. Dies sind Menschen aus allen Schichten und Berufsgruppen, die oft selbst unter den körperlichen und psychischen Misshandlungen seitens ihrer Bezugspersonen und staatlichen Einrichtungen gelitten haben, sich aber zunehmend durch Reflexion und Therapie befreien und sich mit einfühlsameren und respektvolleren Umgangsformen mit Kindern auseinandersetzen und diese in der Praxis erproben.
Was sind die Merkmale eines ganzheitlichen und empathischen Umgangs mit Kindern?
Das
erste Wirkende ist das Sein des Erziehers, das Zweite,
was er
tut, das Dritte erst, was er redet!
(Romano Guardini)
In den letzten Jahrzehnten und insbesondere in den letzten 20 Jahren haben zahlreiche Menschen unterschiedlichster Fachrichtungen bereits einen enormen Schatz an wissenschaftlichen Kenntnissen und praktischen Erfahrungen in Bezug auf einen einfühlsamen und gewaltfreien Umgang mit Kindern gesammelt und dies in Büchern und Videos verbreitet. Aus diesem Wissensschatz möchte ich nun ein paar aus meiner Sicht wesentliche Aspekte, die einen einfühlsamen Umgang mit Kindern ausmachen, herausgreifen und kurz darstellen. Es geht hierbei aber mehr um Haltungen, Qualitäten und Werte als um (Erziehungs-)Methoden oder fertige Konzepte. Ich habe mich dabei in erster Linie auf die Aussagen des bekannten dänischen Familientherapeuten „Jesper Juul“ konzentriert.
In
der „Erklärung
der Rechte des Kindes“
der UN von 1959, im Artikel 6 steht Folgendes:
„Das
Kind braucht zur vollen und harmonischen Entfaltung seiner
Persönlichkeit Liebe und Verständnis. Es wächst, soweit irgend
möglich, in der Obhut und unter der Verantwortung seiner Eltern, auf
jeden Fall aber in einem Klima der Zuneigung und der moralischen und
materiellen Sicherheit auf; ein Kleinkind darf — außer in
außergewöhnlichen Umständen — nicht von seiner Mutter getrennt
werden“.
Liebe und Verständnis
Die Begriffe „Liebe und Verständnis“ drücken die wesentlichen Qualitäten aus, die einen einfühlsamen, respektvollen und gewaltfreien Umgang mit Kindern ausmachen. Dies setzt voraus, dass diese Qualitäten auch von den erwachsenen Bezugspersonen zunächst sich selbst gegenüber weitgehend eingeübt bzw. gelebt werden. Der erste Schritt dazu ist, dass sich die Bezugspersonen ihre eigenen körperlichen und psychischen Verletzungen bewusst machen und aufarbeiten, sodass sie diese nicht mehr unbewusst an die Kinder weitergeben (durch Projektion). Dafür ist eine regelmäßige (möglichst tägliche) und ehrliche Selbstreflexion eine wichtige Voraussetzung.
Besonders Menschen, die beruflich mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, sollten zusätzlich – z.B. durch Supervision – ihr Verhalten gegenüber den Kindern regelmäßig reflektieren.
Leider spielte dies alles in meiner eigenen
Ausbildung als Grund- und Hauptschullehrer so gut wie keine Rolle.
Das Hauptaugenmerk meiner Ausbildung war in erster Linie auf die
Methodik und Unterrichtsvorbereitung gerichtet und nicht auf die
soziale Interaktion und die Beziehung. Ich habe Referendare erlebt,
die zwar hervorragende Universitäts-Abschlüsse hatten, aber nicht gelernt hatten,
sich selbst zu hinterfragen und eine authentische Beziehung zu den
Kindern aufzubauen.
Beziehung statt Erziehung, Subjekt-Subjekt statt Subjekt-Objekt Beziehung
Wie eingangs erwähnt, degradiert die herkömmliche „Erziehung“ Kinder oft zu einem Objekt, indem man von ihnen erwartet, dass sie die Anordnungen der Erwachsenen widerspruchslos befolgen. Die Gefühle und Bedürfnisse des Kindes und sein eigener Wille spielen dabei kaum eine Rolle, sondern werden sogar eher als störend empfunden.
Der 2019 verstorbene dänische Familientherapeut Jesper Juul hat in seinen zahlreichen Büchern betont, dass es im einfühlsamen Umgang mit Kindern nicht um Erziehung, sondern um „Beziehung“ geht. Zwei Menschen, ein Erwachsener und ein Kind, treten dabei in einer Beziehung auf gleicher Augenhöhe zueinander. In der Beziehung wird das Kind nicht mehr als Objekt (Sache), sondern als ein Subjekt (eigenständiges Wesen), mit eigenen Wünschen, Bedürfnissen, Gefühlen und Gedanken gesehen und behandelt. Um eine einfühlsame Beziehung zu einem Kind aufzubauen, ist es notwendig, dass der Erwachsene sich bemüht, das Kind in seiner Individualität, ohne Vorurteile, Wertungen und Bedingungen, kennenzulernen. Beziehungskompetenz von Erwachsenen ist die Fähigkeit, ein Kind als Individuum wahrzunehmen, so wie es ist, und das eigene Verhalten darauf auszurichten, ohne die Führung aufzugeben, und die Fähigkeit, authentisch in Kontakt zu sein. Dazu gehört der Dialog auf Augenhöhe. Die Grundlage für einen gelingenden Dialog sind Ehrlichkeit, Neugier, Geduld, Vertrauen und Respekt. Das setzt voraus, dass auch der Erwachsene weiß, wer er ist, also in Verbindung mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen ist, und seine Stärken, Schwächen und persönlichen Grenzen kennt. So kann allmählich eine tragfähige und vertrauensvolle Beziehung entstehen. Damit dies gut gelingen kann, ist es hilfreich, wenn man sich von allen Wertungen, Dogmen, Erziehungskonzepten und -methoden befreit
Jesper Juul befasst sich in seinem Buch „Vier Werte, die ein Leben lang tragen“ intensiv mit den Werten, die für den gewaltfreien und einfühlsamen Umgang mit Kindern wichtig sind. Diese möchte ich hier kurz umreißen:
Gleichwürdigkeit
Die
Eltern und das Kind sind gleichwürdig und gleichwertig, d.h., dass
man als Erwachsener das Kind genauso ernst nehmen sollte - ohne es zu
bewerten oder verändern zu wollen - wie sich selbst.
Gleichwürdigkeit ist aber nicht gleichzusetzen mit „Gleichheit“
oder „Gleichartigkeit“. Denn die Kinder haben nicht die gleiche
Macht wie die Eltern (Lehrer und andere Bezugspersonen). Kinder sind
existenziell, physisch, psychisch und finanziell und in vielen
anderen Dingen von den Eltern abhängig. Auch fehlen ihnen noch die
Reife, Erfahrungen und Übersicht. Sie sind daher in einem besonderen
Maße, besonders wenn sie noch jung sind, auf die Unterstützung und
den Respekt der Eltern angewiesen. Wenn Eltern diese Macht nicht
annehmen (oder nicht können) und damit ihre Fürsorge- und
Schutzpflicht vernachlässigen, entsteht ein Machtvakuum, welches
dann die Kinder gezwungenermaßen (und unbewusst) ausfüllen. Damit
tragen nun die Kinder die schwere Last der Verantwortung und sind
damit überfordert. Wenn Eltern auf positive Weise ihre Macht
ausüben, bedeutet dies, dass man nicht jede Angelegenheit ein Kind
allein entscheiden lassen kann und es damit sich selbst überlässt
(Vernachlässigung). Wenn es z.B. eine Gefahr bisher nicht selbst
einschätzen kann, dann haben die Eltern die Verantwortung, das Wohl
des Kindes zu schützen bzw. die positive Führung zu übernehmen.
Wichtig ist nur, wie Eltern ihre Macht bzw. Führungsrolle handhaben.
Üben sie diese Macht mit Zwang, Druck und Strafen aus und nehmen die
Bedürfnisse, Wünsche, Gefühle und Gedanken ihrer Kinder nicht
ernst, haben sie ihre Macht missbraucht. D. h. aber nicht, dass
Eltern im Gegenzug zu willenlosen Dienern ihrer Kinder werden und
ihnen unterschiedslos jeden Wunsch erfüllen, wie man es leider in
der alternativen und antiautoritären Szene oft wahrnehmen kann.
Jesper Juul betont, dass Kinder oft zu viel von dem, was sie
wollen, bekommen, aber zu wenig von dem, was sie wirklich brauchen.
Integrität
Integrität
heißt für die Erwachsenen, dass sie sich selbst treu sind, indem
sie ihre persönlichen Grenzen, Bedürfnisse, Gefühle und Werte
kennen und in ihrem Handeln ausdrücken. Im Umgang der Erwachsenen
mit ihren Kindern heißt dies, dass sie auch die individuellen
Grenzen ihrer Kinder wahrnehmen und respektieren.
Grenzüberschreitungen von Erwachsenen gegenüber ihren Kindern sind
Machtmissbrauch. Immer noch kann man in vielen Erziehungsratgebern
lesen: „Kinder brauchen Grenzen, sonst werden sie zu Tyrannen“.
Es gibt aber nicht „die“ Grenzen, die für alle gelten, sondern
nur „persönliche“ (individuelle) Grenzen, und die sind bei jedem
Menschen unterschiedlich und verändern sich auch im Laufe der Zeit.
Gerade bei jungen Kindern, die ihre eigenen Grenzen bisher nicht so
deutlich kommunizieren können, sollten die Erwachsenen versuchen,
dies einfühlsam herauszufinden und ihr Kind in seiner persönlichen
Grenzsetzung zu unterstützen. Wiederum ist es wichtig, dass auch der
Erwachsene seine persönlichen Grenzen in einer authentischen Weise
bzw. Sprache kommuniziert, sodass die Kinder entsprechend ihrem
Entwicklungsgrad sie auch verstehen, aber ohne Vorwürfe,
Schuldzuweisungen, Belehrung oder Herabwürdigung. Mit den persönlichen
Grenzen wird eigentlich gesagt: „Hier bin ich, wer bist du?“,
„Was ist für mich wichtig und was für dich?“. Regeln zu haben,
ist wieder ein anderes Thema. Diese machen aber im Familienleben
einen Sinn und geben den Kindern auch Halt; aber sie sollten dann
gemeinsam mit den Kindern besprochen werden. Wenn man die Grenzen und
die Integrität eines Kindes achtet, wird es i.d.R. auch die Grenzen
des Erwachsenen achten.
Kooperation
Zu
dem Thema Integrität gehört auch das Thema Kooperation. Es
gibt zwei wesentliche Grundbedürfnisse: das Bedürfnis nach
Verbindung, Anerkennung und gesehen werden und das
Bedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung. Beides steht
nicht selten in Spannung. Kinder wollen und brauchen die Anerkennung
ihrer Eltern und Bezugspersonen, aber sie wollen auch selbstständig
sein. Kinder haben eine große Bereitschaft zu kooperieren, sogar
dann, wenn ihre Individualität, Bedürfnisse und Grenzen missachtet
werden. Aber irgendwann, wenn dauerhaft die Integrität und
Grenzen eines Kindes verletzt werden, kommt der Punkt, wo es nicht
mehr kooperiert, z.B. wird es wütend, trotzig oder ausfallend.
Leider nehmen dies viele Eltern dann persönlich und sehen darin eine
absichtliche „Verweigerung“ oder sogar ein „Machtspiel“. In
der pädagogischen Fachliteratur findet man oft in diesem
Zusammenhang den Begriff „Trotzphase“, und man empfiehlt den
Eltern, dagegen anzugehen, durch Strafen und Grenzen setzen. Dies
alles führt aber oft nur zu einem Machtkampf und zu einem
Beziehungsabbruch und nicht zu einer wirklichen Lösung.
Aus
gewaltfreier Sicht wäre es ratsam, dass die Bezugspersonen
einfühlsam versuchen herauszufinden, warum ihr Kind nicht mehr
kooperiert und welchen Anteil sie selbst als Bezugspersonen daran
haben. Oft ist es schon ein wichtiger Schritt in Richtung Lösung,
wenn das Kind sich gesehen und ernst genommen fühlt. Es gibt in der
Entwicklung des Kindes drei Autonomiephasen, in denen sie
eigenständiger werden: im Alter von 2 Jahren, im Alter von 6-7
Jahren (Zahnwechsel) und im Alter von ca. 14 Jahren (Pubertät).
Selbstgefühl
(Selbstwert) und Selbstvertrauen
- Selbstgefühl bezieht sich auf das Sein des Kindes. Dazu gehören die Fragestellungen: Wer bin ich? Wie gut kenne ich mich, wie fühle und denke ich, wie verhalte ich mich mir selbst und anderen gegenüber? Verläuft dieser Prozess relativ ungehindert und die Bezugspersonen unterstützen das Kind dabei, entwickelt es ein stabiles und positives Selbstwertgefühl (Selbstbild). Wenn das Kind dabei aber behindert wird, durch z.B. Unterdrückung und übermäßige Anpassung, entwickelt es ein niedriges und negatives Selbstwertgefühl (Selbstbild).
-
Selbstvertrauen bezieht sich
auf das Können, die Fähigkeiten und Talente eines Kindes.
Fragestellungen sind: Was leiste ich, was kann ich, und wie gut kann
ich es? Durch konstruktive, differenzierte Rückmeldung wird das
Selbstvertrauen gefördert. Erwachsene stärken oft nur das
Selbstvertrauen, also das Können, aber nicht das Selbstgefühl, also
das Sein des Kindes. Ein Kind kann z.B. außergewöhnlich gut Klavier
spielen, hat aber trotzdem ein schlechtes Selbstwertgefühl, weil es
nur für sein Klavierspielen, aber nicht für das, was es ist,
anerkannt wurde. Kinder mit geringem Selbstwertgefühl wissen nicht,
wer sie sind, was sie wollen und was sie nicht wollen, weil sie
Eltern haben, die keine eigenständigen Kinder, sondern brave und
folgsame Kinder wollen.
Ein gesundes Selbstwertgefühl bedeutet nach
J. Juul, dass ein Mensch in der Lage ist, sich selbst nüchtern
(realistisch), differenziert und akzeptierend zu betrachten. Dies
lernen Kinder aber nur, wenn sie Eltern haben, die selbst ein gutes
Selbstwertgefühl haben und dies auch bei ihren Kindern fördern.
Kinder mit gutem Selbstwertgefühl werden ihre Grenzen kennen und
behaupten (= Integrität), und lassen sich nicht so leicht
manipulieren.
Authentizität
Wie oben beschrieben hat die „Schwarze Pädagogik“ dazu
geführt, dass Kinder ihre Authentizität, ihre spontanen und
lebendigen Impulse oft unterdrücken mussten, weil sie nicht
erwünscht waren. So haben sie die Verbindung zu sich selbst
verloren. Aber auch Eltern haben nicht selten ihre Authentizität
unterdrückt und spielen ihren Kindern gegenüber eine Rolle. Im
einfühlsamen Umgang mit Kindern geht es daher vorrangig darum, dass
Eltern wirklich ehrlich mit sich selbst und ihren Kindern sind.
Kinder spüren es ohnehin, wenn ihre Eltern ihnen etwas vorspielen.
Z.B. ist eine Mutter sauer, lächelt aber das Kind an. Viele Eltern
haben eine Vorstellung davon, wie sie sich als Eltern zu verhalten haben,
besonders wenn sie viele Erziehungsratgeber gelesen haben. Oder sie
haben unreflektiert die Rolle ihrer Eltern übernommen, oder sie
spielen einen Pädagogen. Eine Rolle aber schafft Distanz zwischen
Kindern und den Bezugspersonen und verhindert so die Verbundenheit
und Beziehung. Auch können die Kinder dann nicht mehr wahrnehmen,
wer die Bezugspersonen eigentlich wirklich sind, was sie wollen und
wie sie denken und fühlen. Bezugspersonen von Kindern sollten also
wieder lernen, ehrlich zu sich und ihren Kindern zu sein und dies
entsprechend dem Entwicklungsgrad des Kindes auch zu kommunizieren.
Besonders Eltern können hier Vorbild sein, indem sie sich in ihrer
Partnerschaft und in anderen sozialen Kontakten authentisch verhalten.
Das heißt aber nicht im Gegenzug, dass die Eltern ihre Kinder verurteilen sollten, wenn diese lügen. In der Regel lügen Kinder, weil sie keinen anderen Weg gefunden haben, ihre Bedürfnisse zu äußern. Es ist die Aufgabe der Erwachsenen, herauszubekommen, was die Gründe für eine Lüge sind. Vielleicht lügt das Kind, weil es Angst vor der Reaktion (Strafe, Schimpfen) der Eltern hat? Ehrlichkeit kann man auch nicht einfordern, sie entsteht durch einen vertrauensvollen und liebevollen Umgang. Dazu gehört auch, dass man unterschiedliche Sichtweisen respektiert.
Verantwortung
Für
J. Juul ist die Verantwortung ein zentraler Punkt. Er unterscheidet
zwischen persönlicher Verantwortung (gegenüber sich selbst)
und sozialer Verantwortung (gegenüber Familie, Freunden,
Mitschülern, Gesellschaft). Kinder, die durch Befehle und Strafen
auf Gehorsam getrimmt wurden, werden kein (reifes)
Verantwortungsgefühl entwickeln. Aus ihnen werden oft Erwachsene,
die das tun, was andere von ihnen verlangen. Sie werden dann nicht
die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen, sondern sie durch
Schuldzuweisung auf andere schieben, z.B. auf den Partner, den Chef,
die Regierung. Kinder sollten daher schon früh entsprechend ihrem
Entwicklungsstand und Reife beginnen, Verantwortung für ihr Handeln,
ihre Bedürfnisse und Gefühle zu übernehmen. Kinder können z.B.
schon von Beginn an ihres Lebens Verantwortung für ihren Appetit
(Geschmack etc.) übernehmen. Das heißt, dass sie nicht mehr – wie
es lange üblich war – zum Essen genötigt werden, obwohl sie
keinen Hunger mehr haben. Sie dürfen aber mit der Übernahme von
Verantwortung nicht überfordert werden, denn dies führt zur
Frustration. Kinder übernehmen oft (unbewusst) die Verantwortung für
ihre Bezugspersonen, wenn diese ihre Verantwortung nicht übernehmen
(weil sie zu schwach, psychisch krank oder traumatisiert sind), oder
ihre Kinder durch Schuldzuweisung verantwortlich machen.
An
dieser Verantwortungslast kann ein Kind regelrecht seelisch
zerbrechen. Hier wird deutlich, dass die Eltern zu 100 %
Verantwortung für die Gestaltung und Qualität der Beziehung haben,
denn Kinder können (und sollen) nicht die Verantwortung für
zwischenmenschliche Prozesse übernehmen. Eltern haben besonders die
Verantwortung für das Wohl der Kinder und für Situationen und
Gefahren, die ein Kind noch nicht überblicken kann.
Kinder lernen
Verantwortungsbewusstsein durch gute Vorbilder und Nachahmung.
Persönliche Verantwortung heißt, dass man eine eigenständige
Entscheidung trifft und dann für die Folgen der Handlung die
Verantwortung übernimmt. Kinder können dies altersgemäß in
kleinen Schritten lernen, indem sie z.B. die Verantwortung für die
Wahl eines Hobbys und Aufgaben im Haushalt übernehmen. Verantwortung
steht häufig mit Schuld in Verbindung. Wenn man einen Fehler gemacht
hat, fühlt man sich oft schuldig. Wie schafft man es, sich
verantwortlich zu fühlen, ohne schuldig zu sein? Indem man lernt,
dass Fehler zum Leben gehören, und man vor allem aus Fehlern lernen
kann. Dazu gehört auch, dass man sich vom Perfektionismus und einem
„Richtig und Falsch-Denken“ verabschiedet.
Freie Schulen und Freies Lernen
(Zitat von Adolph Ferriere, 1879 – 1960, Schweizer Pädagoge und Begründer der Education Nouvelle)
Es ist schon lange bekannt und
wissenschaftlich belegt, dass die meisten Kinder spätestens am Ende der
Grundschulzeit ihre natürliche Neugier, Freude und Lernbereitschaft fast
vollständig verloren haben. Die Schüler werden daher durch die
Schule nicht entsprechend ihren wahren Talenten gefördert, und sie sind
entweder überfordert oder unterfordert. Viele Bildungspolitiker verfolgen nur
ideologische Bildungsziele; und sie wollen i.d.R. gehorsame Kinder, daher
fordern sie immer mehr Grenzen, mehr Sanktionen und mehr Leistung. Gute Schüler
sind für sie Kinder, die sich anpassen und funktionieren und die den Ablauf des
Unterrichts möglichst nicht stören. Schüler, die sich nicht anpassen und
gehorchen, werden als Störfaktor wahrgenommen, was sanktioniert werden muss.
Die Folgen dieser jahrzehntelangen Schulpraxis sind verheerend. Das überholte
staatliche Bildungssystem mit seinen vorgegebenen starren Lehr- und
Stundenplänen, dem längst überholten Frontalunterricht und zu großen Klassen,
hat zu einer Zunahme an Konflikten, Gewalt, Mobbing, Konkurrenzverhalten,
Anpassungs- und Leistungsdruck, Stress, Ängste und Depressionen bei vielen
Schülern geführt. Immer mehr Schüler leiden unter körperlichen und psychischen
Störungen, werden krank oder begehen nicht selten sogar Suizid. Die zahlreichen
neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte in der
Neurobiologie, Gehirnforschung und Entwicklungspsychologie spielen in der
Praxis der staatlichen Schulen, mit wenigen Ausnahmen, immer noch so gut wie keine
Rolle.
Egal, welche Schulform Eltern für ihre Kinder wählen, letztendlich geht es darum, dass die Eltern, Lehrer (Lernbegleiter) und die Schüler vertrauensvoll, ohne Strafe und Druck, zusammenarbeiten und eine stabile Beziehung durch Dialog auf Augenhöhe aufbauen. Die Lernfreude und Selbstbestimmung der Schüler sollten dabei an erster Stelle stehen.
Anhang: Literatur
- „Es geht auch ohne Strafen, Kinder auf Augenhöhe begleiten“, Aida S. de Rodriguez
- „Dich durch mein Herz sehen, gewaltfreie Kommunikation für Eltern“, Hanna Brodersen
- „Gewaltfreie Kommunikation, eine Sprache des Lebens, gestalten Sie Ihr Leben, Ihre Beziehungen und Ihre Welt in Übereinstimmung mit Ihren Werten“, Marshall B. Rosenberg
- „Pädagogik ohne Strafen, Belohnen und Bewerten, gewaltfreie und verantwortungsvolle Alternativen für pädagogische Beziehungen“, Martha Gugler
- „Liebe und Eigenständigkeit, die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung“, Alfie Kohn
- „Von der Erziehung zur Einfühlung, wie Eltern und Kinder gemeinsam wachsen können“, Naomi Aldort
- „Vier Werte, die ein Leben lang tragen“, Jesper Juul
- „Aus Erziehung wird Beziehung, authentische Eltern – kompetente Kinder“, Jesper Juul
-
„Leitwölfe sein, liebevolle Führung in der Familie“, Jesper
Juul
- „Grenzen, Nähe, Respekt, auf dem Weg zur
kompetenten Eltern-Kind-Beziehung“, Jesper Juul
- „Nein
aus Liebe, klare Eltern - starke Kinder“, Jesper Juul
-
„Aggression, warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist“,
Jesper Juul
- „Die kompetente Familie, neue Wege in der Erziehung“, Jesper Juul
- „Dein kompetentes Kind“, Jesper Juul
-
„Erziehung zum Sein“, Rebbeca Wild
- „Sein zum
Erziehen, mit Kindern leben lernen“, Rebecca Wild
- „Kindheit 6,7 - Eine Geschichte der familialen Sozialisation, Kindheit, Erziehung und Beschulung des Menschen“, Michael Hüter
Freie Schulen und Frei Lernen
- „Schulinfarkt“, Jesper Juul
- „Morgengrauen, ein Buch über Schule und wie sie sein könnte“, Rolf Robinson
- „Verdummt noch mal, der unsichtbare Lehrplan oder was die Kinder in der Schule wirklich lernen“, John Taylor Gatto
- „Lernbegleitung als Kultur“, Ariane Brena
- „Vom Gehorsam zur Verantwortung“, wie Gleichwürdigkeit in der Schule gelingt, Jesper Juul, Helle Jensen
- „Die Freilerner, unser Leben ohne Schule“, Dagmar Neubronner,
- „Und ich war nie in der Schule, Geschichte eines glücklichen Kindes“, Andre Stern
- „Die freie Familie, oder die Freiheit über Leben und Lernen selbst zu bestimmen“, Dayna Martin
- „Befreit lernen, wie Lernen in Freiheit spielend gelingt“, Peter Gray
- „Lernen geht anders, Bildung und Erziehung vom Kind her denken“, Remo H. Largo
Ralf
Manthey, 2022, überarbeitet 2025



